Das Beste kommt zum schlechtesten Zeitpunkt.
Was wirklich passiert, wenn alles zusammenbricht.
Das Disaster Research Center an der University of Delaware ist das erste sozialwissenschaftliche Forschungszentrum der Welt, das sich ausschließlich Katastrophen widmet. Seit 1963. Über 700 Feldstudien. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Der Mensch in der Katastrophe ist kein Egoist. Er ist ein Helfer.
Londoner Bombenanschläge
2005
Terroranschlag in der U-Bahn in London. Die University of Sussex befragte danach über 90 Überlebende und 56 Zeugen. Was sie fanden: Selbstbezogenes Verhalten war selten. Gegenseitige Hilfe war die Norm. Menschen halfen Verletzten, anstatt zu fliehen. In einem der schlimmsten Momente, die man sich vorstellen kann, entschieden sich die meisten Menschen für den anderen.
Ein empirischer Beleg dafür, dass Selbsterhaltung und Hilfsbereitschaft in Krisen koexistieren.
Quelle: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/028072700902700104 (Drury, Cocking, Reicher: "The Nature of Collective Resilience", 2009)
Hurrikan Katrina, New Orleans 2005
Nachrichtenberichte nach Katrina suggerierten, der schlimmsten Naturkatastrophe sei unmittelbar eine zweite, menschengemachte gefolgt: unkontrollierte Kriminalität und Anarchie. Diese Berichte waren falsch. Das Gegenteil war der Fall. DDie Historikerin Rebecca Solnit hat das akribisch nachgewiesen: Die größte Bedrohung für die Bevölkerung kam nicht von der Bevölkerung. Sie kam von Behörden, die auf Basis falscher Annahmen über menschliches Verhalten mit Gewalt reagierten. Das Narrativ vom bösen Menschen hat in New Orleans Menschen das Leben gekostet.
Quelle: Rebecca Solnit, A Paradise Built in Hell, Viking Press, 2009. https://www.thenation.com/article/archive/reconstructing-story-storm-hurricane-katrina-five/
9/11, New York 2001
- Kriminalität
Nach dem 11. September sank die Kriminalität in New York City vorübergehend deutlich. Die Stadt, die nie schläft, wurde kurz eine andere Stadt. Eine bessere.
Quelle: Rutger Bregman, Im Grunde gut, Rowohlt Verlag, 2020.
COVID-Lockdown 2020
/ COVID-19
Millionen Menschen nähten Schutzmasken. Ohne Auftrag. Ohne Bezahlung. Für Krankenhäuser, für Obdachlose, für Nachbarn. Gleichzeitig hielten Milliarden Menschen Abstand, um andere zu schützen, die sie nie kennenlernen würden. Es war möglicherweise der größte kollektive Kooperationsakt der Menschheitsgeschichte.
Quelle: Rutger Bregman, Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, Rowohlt Verlag, Hamburg 2020.
Wenchuan-Erdbeben, China 2008
Die Menschen in den verwüsteten Gebieten hatten alles verloren. Und dann spendeten sie mehr als alle anderen. Mehr Zeit. Mehr Geld. Die gesamten Spendeneinnahmen in China verdreifachten sich 2008 auf umgerechnet 15 Milliarden US-Dollar. Verlust macht großzügig.
Quelle: https://www.sixthtone.com/news/1002250/the-destructive-earthquake-that-gave-chinas-charities-new-life / https://link.springer.com/article/10.1007/s11205-016-1233-5
Indischer Ozean Tsunami, 2004
Bis heute die größte private Spendenwelle nach einer Katastrophe in der Geschichte. Weltweit. Millionen Menschen innerhalb von Stunden. Kein Ereignis danach hat das übertroffen.
Quelle: https://www.fts.unocha.org / UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs.
Hurrikan Ian, Florida 2022
Die Medien berichteten von Plünderungen. Keiner der befragten Haushalte kannte einen Nachbarn, der bestohlen worden war. Fast alle berichteten von Nachbarschaftshilfe. Immer dieselbe Lücke zwischen Bericht und Wirklichkeit.
Quelle: Disaster Research Center, University of Delaware.
Ahrtal-Flut, Deutschland 2021
Niemand hatte organisiert. In wenigen Stunden fuhren Tausende freiwillige Helfer aus ganz Deutschland ins Katastrophengebiet. Ohne öffentlichen Aufruf, mit eigenen Werkzeugen und Fahrzeugen.
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-07/ahrtal-flut-freiwillige-helfer-solidaritaet
Mexiko-Stadt, Erdbeben 1985
Der Staat reagierte zu langsam. Also übernahmen die Menschen. Bürger gruben tagelang mit bloßen Händen nach verschütteten Fremden. Nicht nach Nachbarn. Nach Fremden.
Quelle: Rebecca Solnit, A Paradise Built in Hell, Viking Press, 2009.
Die Forschung ist seit Jahrzehnten eindeutig. Und trotzdem planen viele Behörden noch immer mit dem Worst-Case-Menschenbild. Sie gehen davon aus, dass Menschen in Katastrophen die Köpfe verlieren. Dass Chaos folgt.
ie Forschung sagt das Gegenteil: Menschen handeln vernünftig, organisieren sich selbst, entwickeln Nähe, die zur wertvollsten Ressource in einer Krise werden kann.
Woher kommt dieses falsche Bild dann? Die Antwort ist unbequem.
Das Muster ist überall dasselbe: Medien zeigen Chaos, die Forschung zeigt Solidarität. Panik und Plünderung sind dramatischer als das stille Teilen von Lebensmitteln mit Nachbarn. Die ernsten Bilder verkaufen sich besser.
Zusammengestellt auf Basis von: Disaster Research Center (University of Delaware), Rutger Bregman "Im Grunde gut" (Rowohlt 2020), Rebecca Solnit "A Paradise Built in Hell" (Viking Press 2009), sowie verlinkten Einzelquellen.